„Unsere Gesellschaft wird Jugend gerecht, wenn…“ Jugendliche diskutieren mit dem Bundespräsidenten

„In jeder Generation gibt es solche und solche – verbündet euch mit den interessierten Alten!“ Diese Aufforderung richtete Bundespräsident Joachim Gauck an sechs Jugendliche, die er anlässlich der Eröffnung des 15. Deutschen Kinder- und Jugendhilfetages (DJHT) traf. Der Bundespräsident war am 3. Juni 2014 in Begleitung seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt und der Berliner Jugendsenatorin Sandra Scheeres in unseren Messestand gekommen, um mit den 17- bis 21-Jährigen über Mitbestimmung und Freiräume, über das Image von Jugend und über das Verhältnis zwischen Alt und Jung zu diskutieren.

Jana Schröder, Leiterin der Geschäftsstelle des Zentrum Eigenständige Jugendpolitik, moderierte das Gespräch und skizzierte eingangs kurz, worum es im Zentrum geht. Hier seien die zentralen jugendpolitischen Akteure zusammengeschlossen: das Bundesjugendministerium, die obersten Landesjugendbehörden, die kommunalen Spitzenverbände, das Deutsche Jugendinstitut, der Deutsche Bundesjugendring und die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ. Das gemeinsame Ziel sei eine neue, ressortübergreifende Politik, die die Belange aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Blick habe, Jugend als eigenständige Lebensphase begreife und junge Menschen wirksam beteilige. Darüber hinaus ginge es darum, die Leistungen Jugendlicher stärker anzuerkennen. Wenn in der Öffentlichkeit von Jugendlichen die Rede sei, ginge es zumeist um Probleme – Probleme, die sie haben, Probleme, die sie machen.

Zeit, Räume, Möglichkeiten: Jugendliches Engagement anerkennen

Auf die Frage, wie sie ihre Generation wahrnimmt, antwortete Elena Colmsee von der LandesschülerInnenvertretung Nordrhein-Westfalen, dass das überwiegend negative Bild von der Jugend nicht der Realität entspräche. Die junge Generation habe viele Potenziale und sei grundsätzlich bereit, sich zu engagieren. „Für dieses Engagement gibt es jedoch nicht genug Möglichkeiten und Freiräume. Das liegt hauptsächlich am stressigen Schulsystem“, sagte die 18-jährige Abiturientin aus Recklinghausen.

Annika Lemke aus Kempen berichtete, dass sie in ihrem Verband, der Katholischen Jungen Gemeinde, viel lerne – vor allem Verantwortung zu übernehmen und in der Gruppe zusammenzuarbeiten. Sie stecke jedoch oft in einem Zwiespalt zwischen Schule und Jugendverband, so die 18-Jährige: „Das wird noch dadurch befördert, dass Verbandsarbeit von den Erwachsenen meistens nicht so ernst genommen wird. Es heißt, Schule sei doch unsere eigentliche Aufgabe.“

Bundespräsident Joachim Gauck pflichtete bei, dass Jugendliche bei außerschulischen Aktivitäten viele, insbesondere soziale Kompetenzen erwerben. „Diese Fähigkeiten müssen stärker anerkannt werden. Ich würde darüber zum Beispiel gerne auch in Zeugnissen lesen“, so Gauck. Zum Image von Jugendlichen sagte der Bundespräsident, er persönlich begegne vielen engagierten jungen Menschen, die dem Bild von einer orientierungslosen und versagenden Generation überhaupt nicht entsprächen. Eine negative Wahrnehmung der „Jugend von heute“ kenne man jedoch seit der Antike, das habe auch schon damals nicht gestimmt. Eine wirkliche Herausforderung der aktuellen jungen Generation sei der Zeitmangel. Die jungen Leute von heute seien vielbeschäftigt und stünden vor außerordentlich hohen Erwartungen, besonders an ihre Bildung.

Miteinander statt gegeneinander: Generationengerechtigkeit herstellen

Narin Dogan vom kurdischen Kinder- und Jugendverband Komciwan betonte, dass junge Menschen über Vereine und Verbände durchaus Einfluss nehmen können auf Gesellschaft und politische Entscheidungen. „Der Drang zur Veränderung und eine kritische Grundhaltung gehören zu den Kennzeichen von Jugend“, so die 20-jährige Münchenerin. Die Gesellschaft profitiere davon, wenn sie den Blick von Jugendlichen einbeziehe.

Dem stimmte Lukas Brömmling von der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg zu: „Die Jugend mit ihrem Willen und ihrer Fähigkeit zur Veränderung trägt zur Modernisierung der Gesellschaft bei“, so der 18-Jährige aus Schönwalde-Glien in Brandenburg. Ein gutes Beispiel für das große Engagement von Jugendlichen sei die bundesweite „72-Stunden-Aktion“ – drei Tage Zeit, um die Welt mit gemeinnützigem Einsatz ein Stückchen besser zu machen. Dennoch fehle es den Älteren an Vertrauen in die Jugend, um ihnen tatsächlich Handlungsspielräume zuzugestehen. Jüngere würden geradezu ausgebremst.

Auf die Frage, ob die ältere Generation den Jungen nicht genug zubilligt und zutraut, bemerkte der Bundespräsident, Jugend müsse sich für ihre Interessen Partner bei den Älteren suchen. Zwar gäbe es in jeder Generation Menschen, die ihr Augenmerk hauptsächlich auf ihre eigenen Bedürfnisse richteten. Daraus solle man aber nicht schließen, die Alten seien durchweg unsolidarisch. Hier kenne er viele andere Beispiele. „Es nicht darum, einen Konflikt auszutragen, sondern darum, partnerschaftlich generationengerechte Politik zu gestalten.“ Derzeit habe er jedoch den Eindruck, dass in Zeiten des demografischen Wandels die Interessen der Älteren überrepräsentiert würden.

Teilhaben und gestalten: Bildungschancen eröffnen und Selbstbestimmung ermöglichen

Beim Thema Mitbestimmung waren sich die Jugendlichen und der Bundespräsident einig, dass Bildung die entscheidende Grundlage sei. Alan Abdi von „Jugendliche ohne Grenzen“, einem bundesweiten Zusammenschluss von jugendlichen Flüchtlingen, dazu: „Junge Menschen können sich nur dann für ihre Interessen stark machen, wenn sie an Engagement und Partizipation herangeführt werden. Eine Voraussetzung dafür ist jedoch Bildungsgerechtigkeit.“ Jungen Menschen mit Migrationserfahrungen, insbesondere Flüchtlingen, würden die Zugänge zu Bildung jedoch häufig verwehrt, beklagte der 21-jährige Student aus Göttingen. Er sehe einen zentralen Auftrag von Politik darin, echte Chancengerechtigkeit herzustellen.

Isabelle Thiemann von der Sozialistischen Jugend Deutschlands – Die Falken ist es ein besonderes Anliegen, „dass Kinder und Jugendliche als eigenständige Menschen mit selbstbestimmten Prioritäten und Entscheidungen respektiert werden.“ Darauf müsse die Gesellschaft sich einlassen und wirklich Entscheidungsmacht abgeben, so die 17-Jährige aus Berlin. Bei verschiedenen Projekten habe sie sehr positive Erfahrungen gesammelt, wie Gesellschaft funktionieren könne, wenn alle gleichberechtigt und fair miteinander umgingen.

Im Gespräch bleiben: Eigenständige Jugendpolitik weiterentwickeln

Im Anschluss an das Gespräch eröffneten Bundespräsident Joachim Gauck und Senatorin Sandra Scheeres eine Besucheraktion im Messestand, indem sie den Satz „Unsere Gesellschaft wird Jugend gerecht, wenn…“ vervollständigten.

„Unsere Gesellschaft wird Jugend gerecht, wenn…“

  • „…die Alten und die Jungen aufeinander hören und voneinander lernen.“ (Bundespräsident Joachim Gauck)
  • „…Beteiligung nicht nur eine Floskel ist, sondern gelebt wird.“ (Senatorin Sandra Scheeres)

 

Danach überreichten die Jugendlichen dem Bundespräsidenten einen symbolischen Ziegelstein, beschriftet mit ihren zentralen Anliegen. Der Stein solle die Bedeutung der Jugend als unverzichtbarer Teil beim Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft veranschaulichen. Jana Schröder bedankte sich im Namen des Zentrums für den Besuch und äußerte die Hoffnung, zum Thema Eigenständige Jugendpolitik im Gespräch zu bleiben. Dazu überreichte sie die aktuelle Publikation „Eigenständige Jugendpolitik – Dialogprozess, Leitlinien, Herausforderungen”.

Zum Abschluss seines Besuchs zeigte sich der Bundespräsident beeindruckt und forderte die Jugendlichen auf, sich weiter politisch und gesellschaftlich zu engagieren. „Wenn ich Sie so reden höre, mache ich mir um Deutschlands Zukunft keine Sorgen“.

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