Im Zentrum Eigenständige Jugendpolitik arbeiten die zentralen jugendpolitischen Akteure zusammen. Hier werden jugendpolitische Aktivitäten und Diskussionen gebündelt, Ergebnisse von Fachforen und Workshops ausgewertet, Expertengruppen und Gremien begleitet, Expertisen analysiert. Aktivitäten auf Länderebene werden ebenso in den Blick genommen wie kommunale Steuerungsinstrumente. Auf Grundlage dieser Aktivitäten haben wir Grundsätze und Ziele einer Eigenständigen Jugendpolitik formuliert und in einem umfangreichen Diskussionsprozess weiterentwickelt. Diese Grundsätze kann jeder einzelne Akteur zum Anlass für eigene Zuspitzungen und Beiträge nehmen. Nun gilt es, konkrete Handlungsanforderungen und mögliche Aktivitäten zu benennen, mit denen diese Ziele erreicht werden können.

Die Grundsätze und Ziele liegen auch auf Englisch vor: Principles and objectives of a new youth policy.

Grundsätze und Ziele einer Eigenständigen Jugendpolitik

Unsere Gesellschaft braucht die Jugend – ihre Ideen, ihr Engagement und ihre Potentiale. Und Jugendliche brauchen in dieser entscheidenden Lebensphase die Unterstützung und Anerkennung der Gesellschaft. Nur mit den richtigen Rahmenbedingungen können sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten und mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Politik und Gesellschaft sind deshalb gefordert, die Herausforderungen und die konkreten Bedürfnisse von Jugendlichen in Deutschland in das Zentrum ihrer Debatten zu rücken.

Eigenständige Jugendpolitik als Zukunftspolitik eröffnet gesellschaftliche Perspektiven.
Jugend ist eine entscheidende Lebensphase. In diesem Lebensabschnitt gehen junge Menschen wichtige Schritte in Richtung Selbstständigkeit; sie entwickeln eine eigene Identität und ein moralisches Bewusstsein; sie suchen nach einem Platz in der Gesellschaft und sehen sich mit einer Vielfalt an Lern- und Bildungserwartungen konfrontiert. Jugendliche machen in dieser Altersphase wichtige Erfahrungen, erproben unterschiedliche Lebensentwürfe und stellen Weichen für ihre Zukunft. Diesen Herausforderungen müssen sich alle jungen Menschen stellen, auch wenn die individuellen Ausgangslagen und Bedingungen sehr unterschiedlich sind.
Um den alterstypischen Herausforderungen gerecht werden zu können, brauchen Jugendliche die Zuversicht, dass die Zukunft bewältigt werden kann. Darunter ist die Aussicht auf eine Ausbildungsstelle und einen Arbeitsplatz zu verstehen, aber auch die Sicherheit, in eine lebenswerte Gesellschaft und Zukunft hinein zu wachsen. Berufliche Perspektiven sollten Interessen und Kompetenzen entsprechen, persönliche Lebensmodelle im gesetzlichen Rahmen frei wählbar sein.
Jugend ist aber nicht nur eine individuelle Lebenslage; sie trägt zur gesellschaftlichen Entwicklung und Innovation bei.
Im Zentrum der Eigenständigen Jugendpolitik steht das Bemühen, allen Jugendlichen attraktive gesellschaftliche Perspektiven und Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen. Es geht darum, Jugendliche und junge Erwachsene bei ihrer Suche nach Orientierung und bei der Erprobung von Lebensentwürfen zu unterstützen und zu begleiten. Optionen auszuprobieren gehört für Jugendliche ebenso dazu wie Brüche und Umwege.

Eigenständige Jugendpolitik betrachtet die Lebensphase Jugend als Ganzes.
Eine Eigenständige Jugendpolitik soll der isolierten Betrachtung einzelner Teilaspekte der Lebensphase Jugend entgegenwirken und die Gestaltung jugendlicher Lebenslagen als eine politische und gesellschaftliche Gesamtaufgabe entwickeln.
Jugend ist mehr als der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Bei der Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik werden die typischen Herausforderungen und Ambivalenzen des Jugendalters und ihre institutionellen Entsprechungen (Bildungsangebote, Unterstützungssysteme und gesellschaftlich geregelte Statuspassagen) thematisiert. Dabei wird das Jugendalter aus doppelter Perspektive gesehen: Als eine wichtige Phase der Lern- und Bildungsbiographie wie auch als eine Altersphase, die vor allem aus der Gegenwartsperspektive der Jugendlichen ihre ganz eigene Bedeutung hat.

Eigenständige Jugendpolitik ist Politik für alle Jugendlichen.
Jugendpolitik muss wiederkehrende Herausforderungen für alle Jugendlichen beachten und heterogene Lebenswelten und Lebensentwürfe respektieren und fördern. Besondere Unterstützung brauchen Jugendliche, die den Anforderungen nicht gewachsen sind und/oder die unter erschwerten Bedingungen leben.
Jugendpolitik muss vorbeugend und ausgleichend wirken, um allen Jugendlichen faire Chancen zu ermöglichen, indem sie Angebote der Begleitung, Förderung und Unterstützung bereit hält.

Eigenständige Jugendpolitik rückt die Interessen und Bedürfnisse von Jugendlichen in den Mittelpunkt.
Die vielfältigen Herausforderungen für Jugendliche sind zentrale Themenfelder einer Eigenständigen Jugendpolitik. Im Kern geht es um die Frage, wie eine Balance zwischen den Anforderungen der Gesellschaft an Jugendliche und deren subjektiven Bedürfnissen erreicht werden kann. Mit einer Eigenständigen Jugendpolitik sollen die Potentiale und Chancen, die eine Gesellschaft mit einer starken Jugend erhält, sichtbar gemacht und kontinuierlich im Bewusstsein der Gesellschaft gehalten werden. Beispielsweise müssen die Interessen Jugendlicher aktiv im Dialog der Generationen vertreten werden und Jugendliche müssen dabei unterstützt werden, sich im Miteinander der Generationen einzubringen.
Darüber hinaus steht die Eigenständige Jugendpolitik für ein positives Image von Jugend. Das Ansehen von Jugendlichen in Deutschland muss aufgewertet werden. Zu oft wird das Bild einer orientierungslosen und versagenden Jugend vermittelt, das die Realität nur sehr verzerrt widerspiegelt. Eigenständige Jugendpolitik wendet sich gegen diese einseitige Betonung von Unzulänglichkeiten. Ziel ist es, den Leistungen Jugendlicher ernsthaft höhere Anerkennung zu verschaffen und ihnen die Unterstützung und Freiräume zu bieten, die sie für ihre Entwicklung zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten brauchen.

Eigenständige Jugendpolitik fördert nachhaltige Jugendbeteiligung.
Mit einer Eigenständigen Jugendpolitik wird die Jugend ernstzunehmender Partner für eine gesellschaftliche Zukunftspolitik. Jugendliche haben das Recht, für ihre Interessen einzutreten und sie sind Expertinnen und Experten in eigener Sache. Sie haben wesentliche Inhalte zu gesellschaftspolitischen Themen und Entwicklungen beizusteuern; ihre Perspektiven können keinesfalls durch Ansichten Erwachsener ersetzt werden. Junge Menschen wollen mitentscheiden, wenn ihre Umgebung gestaltet und ihre Zukunft beeinflusst wird. Kernanforderung an alle Akteure, die sich mit jugendrelevanten Themen beschäftigen, muss somit der wirkungsvolle Einbezug der Sichtweisen, Interessen und Anliegen von Jugendlichen sein. Dafür braucht es geeignete Verfahren und jugendgerechte Strukturen wie Selbstorganisationen und Zusammenschlüsse junger Menschen.
Mit einer nachhaltigen Jugendbeteiligung kann eine Eigenständige Jugendpolitik selbst zu einem belebenden Element unserer Demokratie werden.

Eigenständige Jugendpolitik wirbt für Freiräume.
Jugendliche sollen heute in kürzerer Zeit mehr lernen und neue Herausforderungen bei fragilen Rahmenbedingungen bewältigen. Ein gutes und selbstbestimmtes Zeitmanagement im Alltag (Schule/Ausbildung/Studium, Engagement, Familie, Freizeit) ist schwieriger geworden, frei verfügbare Zeitkontingente sind knapp.
Jugendliche brauchen aber genügend Zeit für ihre Persönlichkeitsentwicklung – eine ihrer zentralen Entwicklungsaufgaben besteht darin, sich mit ihrer körperlichen und psychosozialen Entwicklung auseinanderzusetzen sowie in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen ihren Platz zu finden. Jugendliche benötigen akzeptierte Auszeiten und mehr Raum, um sich entfalten und um sich ihre Umgebung aneignen und sie mitgestalten zu können.

Eigenständige Jugendpolitik ist eine gemeinsame Aufgabe.
Bei allen Gestaltungsprozessen unserer Gesellschaft sind die Belange junger Menschen zu berücksichtigen und mitzudenken. Eigenständige Jugendpolitik ist sowohl Ressort- als auch Querschnittspolitik. Es bedarf dabei einer weitreichenden und gemeinsamen Strategie der relevanten Politikfelder, insbesondere der Bereiche Jugend, Bildung, Soziales, Arbeitsmarkt, Familie, Inneres, Gesundheit, Wirtschaft, Verbraucherschutz sowie Verkehr/Bau/Stadtentwicklung. Dazu könnte ein „Jugendcheck“ gehören, der alle Vorhaben auf ihre Auswirkungen auf junge Menschen überprüft und der in allen Planungs- und Gestaltungsabläufen verankert wird. Eigenständige Jugendpolitik kooperiert stetig mit anderen Ressorts im Sinne besserer Lebens-, Bildungs- und Entwicklungsbedingungen von Jugendlichen.
Für eine wirksame Eigenständige Jugendpolitik müssen lokale, regionale, nationale und europäische Akteure verbindlich zusammenwirken. Über diese vertikale Kooperation hinaus müssen unter Berücksichtigung der jugendpolitischen Subsidiarität jeweils spezifische Verantwortungen wahrgenommen werden.
Die jugendpolitische Verantwortung aller Bereiche der Gesellschaft soll in einer Allianz für Jugend sichtbar werden. In einem breiten Bündnis sollen alle relevanten Gruppen und Akteure (Jugendliche, Schule, Jugendhilfe, Politik, Zivilgesellschaft, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft) als Unterstützer einer Eigenständigen Jugendpolitik mitwirken und gemeinsam Strukturen im Interesse junger Menschen umgestalten.

Eigenständige Jugendpolitik treibt jugendpolitische Reformen voran.
Zur Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik gehört es, bestehende jugendpolitische Rahmenbedingungen weiter zu entwickeln.
Gesetzliche Vorgaben und Rechtsansprüche müssen daraufhin überprüft werden, ob sie für die Jugendlichen von heute und auch für die zukünftige Jugend passgenau und wirksam sind: Dazu gehören die Lösung von Schnittstellenproblemen, die Klärung von Finanzierungsbedarfen und -verantwortlichkeiten ebenso wie die (Neu-)Positionierung förderpolitischer Instrumente und Programme. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Stärkung und Profilierung der auf Jugend bezogenen Planung auf verschiedenen Ebenen, die Weiterentwicklung der Jugendberichterstattung für wissensbasierte Entscheidungsprozesse sowie die Stärkung der Jugendhilfeausschüsse als ein wichtiges zivilgesellschaftliches Beteiligungsinstrument.

Eigenständige Jugendpolitik hat eine europäische Dimension.
Eine rein nationalstaatliche Ausrichtung Eigenständiger Jugendpolitik kann keine zukunftsfähigen Lösungen bieten. Die Lebensbedingungen von Jugendlichen sind stark von europäischen und globalen Entwicklungen abhängig und werden von politischen Entscheidungen beeinflusst, die auf EU-Ebene oder auch in anderen Ländern getroffen werden.
Die europäische Zusammenarbeit im Jugendbereich und europäische Fachdebatten können die nationale Politik und Praxis bereichern. Zur europäischen Dimension Eigenständiger Jugendpolitik gehört es auch, europäische Politikstrategien (insbesondere die EU-Jugendstrategie) stärker in den jugendpolitischen Diskurs, in Programme und Maßnahmen in Deutschland zu integrieren. Europäische Schwerpunkte und Zielsetzungen müssen dem Anspruch der Eigenständigen Jugendpolitik gemäß ergänzt, gewichtet, erweitert und konkretisiert werden.
Die jugendpolitischen Beiträge der Bundesregierung auf europäischer Ebene müssen den Grundsätzen der Eigenständigen Jugendpolitik entsprechen. So kann die Eigenständige Jugendpolitik einen Beitrag für die Entwicklung eines europäischen jugendpolitischen Raums leisten, in dem die Bedingungen für das gelingende Aufwachsen junger Menschen gemeinsam verantwortlich gestaltet werden.

Link zu www.jugendgerecht.de

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