Zum Verhältnis von Eigenständiger Jugendpolitik und EU-Jugendstrategie in Deutschland

Claudius Siebel, Projektkoordinator Transferstelle für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa

Hans-Georg Wicke, Leiter JUGEND für Europa

 

Mit der Umsetzung der EU-Jugendstrategie und der Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik hat die jugendpolitische Debatte in Deutschland in den letzten Jahren enormen Aufwind erfahren. Beide Prozesse nähern sich der Frage nach der zukünftigen Gestaltung der Jugendpolitik in Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven. Grund genug, das Verhältnis von EU-Jugendstrategie und Eigenständiger Jugendpolitik einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. 

1. Hintergrund

Am 27. November 2009 haben sich die Jugendministerinnen und Jugendminister der EU-Mitgliedstaaten auf einen erneuerten Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa (2010-2018) geeinigt, besser bekannt als EU-Jugendstrategie. Diese Strategie beschreibt ein umfassendes jugendpolitisches Konzept für die europäische Zusammenarbeit im Jugendbereich sowie für die Ausgestaltung bzw. Neuausrichtung nationaler Jugendpolitiken. Die Mitgliedstaaten verpflichten sich mit der Annahme der EU-Jugendstrategie auf eine umfassende jugendpolitische Zusammenarbeit und erhalten wichtige Impulse für ihre eigenen jugendpolitischen Ansätze. Deutschland hat diese Impulse aktiv aufgegriffen und setzt die EU-Jugendstrategie seit 2010 in einer beispielhaften Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern um.

Gleichzeitig entwickelt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) auf der Grundlage des Koalitionsvertrages von 2009 ein Konzept für eine sogenannte Eigenständige Jugendpolitik, die das jugendpolitische Handeln in Deutschland grundlegend verändern soll. Die Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik findet 2012/2013 im Rahmen eines offenen Dialogprozesses mit relevanten jugendpolitischen und gesellschaftlichen Akteuren statt und soll zunächst die zentralen Herausforderungen und zukünftigen Aufgaben von Jugendpolitik in Deutschland identifizieren. Sie soll in der neuen Legislaturperiode im Sommer 2014 in die Gründung einer politikfeldübergreifenden Allianz für die Jugend münden.

Europäische und nationale Jugendpolitik sind aus Sicht des BMFSFJ eng miteinander verbunden, wie es das BMFSFJ in „Chancen eröffnen durch Austausch und Begegnung – Weiterentwicklung der europäischen und internationalen Jugendpolitik des BMFSFJ“ am 30. Mai 2012 selbst formuliert: „Jugendpolitik in Deutschland kann nicht ausschließlich national sein, sondern muss sich in einem doppelten Sinne europäisch und international verorten: Eine zukunftsweisende Jugendpolitik benötigt einerseits Elemente mit grenzüberschreitender Wirkung. Sie sollte europäische und internationale Impulse setzen und auch Verantwortung übernehmen für die Gestaltung von Lebensbedingungen junger Menschen in Europa und weltweit. Eine zukunftsweisende Jugendpolitik benötigt anderseits eine Strategie der Öffnung nach innen für europäische und internationale Impulse und Entwicklungen. Sie sollte europäische und internationale Entwicklungen und Erfahrungen aufgreifen und zum Gegenstand ihrer politischen, wissenschaftlichen und praktischen Auseinandersetzungen machen. Die europäische und internationale Jugendpolitik wird konstituierender Bestandteil einer Eigenständigen Jugendpolitik in Deutschland mit einer sich aus dem Europäischen und dem Internationalen ergebenden Spezifik und einem erkennbaren Profil. Dabei stehen angesichts der zunehmenden Annäherung von Zielen und Inhalten europäischer und internationaler Jugendpolitik einerseits und nationaler Jugendpolitik andererseits beide auch in einer Wechselwirkung zueinander.“

2. Die Impulse der EU-Jugendstrategie für eine Eigenständige Jugendpolitik

Die jugendpolitische Ausgangslage in der EU ist durchaus mit der in Deutschland vergleichbar: Jugendpolitik fällt gemäß Subsidiaritätsprinzip in den Zuständigkeitsbereich der Mitgliedstaaten. In den Kompetenzbereich der EU fallen gemäß Artikel 165 des Lissabonvertrages Aufgaben, die über Programme, Rechtsetzung oder koordinierte Politiken umgesetzt werden können. Jugend zählt zu einem der Politikbereiche, in denen die EU solche Maßnahmen zur Koordinierung, Ergänzung oder Unterstützung der Maßnahmen der Mitgliedstaaten durchführen kann. Auf dieser Basis liefert die EU-Jugendstrategie Impulse  für die nationale Jugendarbeit, –hilfe und –politik, indem sie Inhalte, Konzepte, Strukturen und Verfahren beschreibt, die auch bei der Gestaltung einer Eigenständigen Jugendpolitik für Deutschland von Relevanz sein können.

Davon seien hier exemplarisch einige aufgezeigt:

 Jugendpolitische Konzepte

Mit der EU-Jugendstrategie ist nicht nur ein Rahmen für die europäische Zusammenarbeit im Jugendbereich, sondern ein umfassendes jugendpolitisches Konzept entwickelt worden. Dieses beschreibt sowohl eine klassische Ressortpolitik, als auch eine jugendpolitische Querschnittspolitik. Es werden darin langfristige Ziele definiert und prioritäre Aktionsbereiche ausgeführt. Innerhalb jedes Aktionsbereichs werden Ziele für die ersten Jahre benannt und mögliche Einzelmaßnahmen aufgelistet, die die Mitgliedstaaten und/oder die Kommission durchführen können. Es wird zudem die besondere Rolle von Jugendarbeit hervorgehoben. Und letztendlich werden Instrumente festgelegt, mit denen diese Ziele erreicht werden können.
Die Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik steht vor vergleichbaren Herausforderungen. Ein jugendpolitisches Konzept wird gleichermaßen ressort- und querschnittspolitisch verankert sein müssen. Eine Eigenständige Jugendpolitik benötigt langfristige strategische Ziele, aus denen sich jugendpolitische Handlungsbereiche ableiten, ebenso wie operationelle Ziele und Maßnahmen innerhalb dieser vorrangigen Bereiche. Und ohne passende Instrumente und Verfahren kommt auch eine Eigenständige Jugendpolitik nicht aus. In einem solchen Sinne bietet die EU-Jugendstrategie  eine Menge Anregungen und Ideen für ein kohärentes jugendpolitisches Konzept im Rahmen der Eigenständigen Jugendpolitik.

 Jugendpolitische Inhalte

Die EU-Jugendstrategie benennt acht vorrangige Politikbereiche: Bildung, Beschäftigung, Kreativität und unternehmerische Initiative, Gesundheit und Sport, Partizipation, soziale Integration, Freiwilligentätigkeit, Jugend und die Welt. Jugendarbeit (hier in einem sehr viel umfassenderen Sinne zu verstehen als die in Deutschland gebräuchliche Definition von Jugendarbeit nach § 11 SGB VIII) wird als ein Bereich betrachtet, der in all diesen Feldern konstituierende Beiträge leistet.
In der Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland haben Bund und Länder entschieden, sich zunächst auf drei Bereiche zu konzentrieren: Integration sozial benachteiligter junger Menschen in das Regelsystem von Bildung, Ausbildung und Arbeit; Partizipation und Demokratie stärken; Anerkennung und Sichtbarmachung informeller und nicht formaler Bildung in der Jugendarbeit. Im Rahmen der Entwicklung der Eigenständigen Jugendpolitik stehen – darüber hinausgehend und auf alle Jugendlichen bezogen – folgende Themenfelder im Mittelpunkt: „Schule und außerschulische Lern- und Bildungsorte“, „Beteiligungschancen und -anlässe im politischen und öffentlichen Raum“ sowie „Übergangsgestaltung von der Schule in die Arbeitswelt“. Das aus zwei verschiedenen Prozessen überschneidende Themenfelder entstanden sind, ist kein Zufall, sondern jugendpolitische Absicht und Notwendigkeit.

Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität

Das Thema Lernerfahrungen für junge Menschen durch grenzüberschreitende Mobilität ist durch die europäische Debatte  mehr denn je in den jugendpolitischen Fokus gerückt.
Die Umsetzung der EU-Jugendstrategie hat in Deutschland diese Impulse aufgegriffen und sieht die Förderung der Mobilität junger Menschen nicht nur als einen wesentlichen Beitrag in den drei Themenschwerpunkten, sondern auch als ein eigenständiges Thema, das auch in den Strukturen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe (so z. B. in der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe – AGJ) oder darüber hinaus (so z. B. im Deutschen Verein) eine neue Aufmerksamkeit erhält. Das Thema rückt vom Rand in die Mitte jugendpolitischer Konzepte: jungen Menschen Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität zu ermöglichen, wird nun als Teil der Forderung nach umfassender Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses betrachtet.
Diese Veränderung wird im Rahmen der Entwicklung der Eigenständigen Jugendpolitik aufgegriffen, die die klassischen Aufgaben der europäischen Jugendpolitik (Mobilitätsförderung junger Menschen und Multiplikatoren) sehr viel stärker als bisher in den Fokus von Jugendpolitik in Deutschland rückt. So hat das BMFSFJ „unter dem Dach“ der Eigenständigen Jugendpolitik ein Modellprojekt „Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität für Jugendliche ermöglichen“ eingerichtet, um exemplarisch Wege aufzuzeigen, wie dauerhaft mehr jungen Menschen Lernerfahrungen in einem anderen Land  ermöglicht werden können. 

Governance im Mehrebenensystem

Die EU-Jugendstrategie und ihre Umsetzung in Deutschland ist ein konkretes Beispiel von koordinierter Politikgestaltung und Umsetzung in einem Mehrebenensystem, sogenannter Governance.
Im Mittelpunkt des Governancekonzeptes der EU-Jugendstrategie steht die Offene Methode der Koordinierung zur Regelung des Verhältnisses zwischen der EU und seinen Mitgliedstaaten. Darüber hinaus beschreibt sie aber auch eine Reihe von Governanceinstrumenten und -verfahren, die helfen sollen, die EU-Jugendstrategie in die Praxis umzusetzen. Mit der Umsetzung der EU-Jugendstrategie wurden eine Governancestrategie und Governanceinstrumente entwickelt, die sowohl vertikal die Einbeziehung der verschiedenen Ebenen, als auch horizontal der Zivilgesellschaft und seiner Strukturen und Organisationen erlauben.
Dieses Modell einer stetigen jugendpolitischen Zusammenarbeit der verschiedenen Handlungsebenen und -strukturen birgt eine neue Qualität für die Ausgestaltung von Jugendpolitik. Eine Eigenständige Jugendpolitik in Deutschland wird unter dem Vorzeichen der jugendpolitischen Subsidiarität eine solche vertikale und horizontale Governancestrategie benötigen, um  Einbindung der verschiedenen Ebenen und Strukturen sicherzustellen. 

Offene Methode der Koordinierung (OMK)

Innerhalb des Governancemodells der EU-Jugendstrategie nimmt die Offene Methode der Koordinierung, die sich im letzten Jahrzehnt zu einem wichtigen Steuerungsinstrument der Europäischen Union entwickelt hat, eine Sonderstellung ein.
Mit der jugendpolitischen Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern im Rahmen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie ist erfolgreich eine auf die deutsche Situation angepasste Form der OMK eingeführt worden – auch wenn sie bisher nicht so genannt wird: Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe als zentrales Steuerinstrument der Umsetzung der EU-Jugendstrategie bringt die verschiedenen politischen Handlungsebenen zusammen und etabliert ein Verfahren von Koordination und Verhandlung. Hier sind gemeinsame Themen und Zielsetzungen miteinander abgestimmt worden. Der Bund ergreift im Rahmen seines Verantwortungsbereiches einzelne eigene Initiativen, gewährleistet durch die Einrichtung von Unterstützungsstrukturen den Rahmen der Zusammenarbeit sowie einzelne für die Zusammenarbeit unverzichtbare Prozesse. Die Bundesländer übernehmen entsprechend ihren eigenen jugendpolitischen Möglichkeiten und Schwerpunkten Verantwortung für die weiteren Prozesse und deren inhaltliche Ausgestaltung.
Die Eigenständige Jugendpolitik wird ebenfalls eine solche Form des politischen und handlungsorientierten Zusammenwirkens von Bund, Ländern und Kommunen entwickeln müssen. Mit der Zusammensetzung des „Zentrums Eigenständige Jugendpolitik“ (Bundesjugendministerium, Oberste Landesjugendbehörden, Kommunale Spitzenverbände, Deutsches Jugendinstitut, Deutscher Bundesjugendring und Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ) sind die Grundlagen hierfür gelegt. 

Peer Learning

Mit der EU-Jugendstrategie wurde das Peer Learning als ein jugendpolitisches Instrument verankert. Mit der Umsetzung der EU-Jugendstrategie ist Peer Learning als ein jugendpolitisches Instrument verstärkt auch in den jugendpolitischen Raum in Deutschland getretenund führt zu einer Vielzahl von Peer-Learning-Aktivitäten. So führt das BMFSFJ im Rahmen der Umsetzung der EU-Jugendstrategie fünf sogenannte multilaterale Kooperationsprojekte durch. Eines dieser Projekte beschäftigt sich mit der übergeordneten Fragestellung nach der Gestaltung von Jugendpolitik in Europa.
Peer Learning ist konstituierender Bestandteil der Umsetzung der EU-Jugendstrategie und entwickelt sich mit Blick auf eine in Europa eingebettete Jugendpolitik auch zu einem Prinzip von Politikgestaltung in der Eigenständigen Jugendpolitik.
Aber das Prinzip des Peer Learnings lässt sich leicht auch auf Deutschland übertragen – die Realität von Jugendpolitik und -praxis in Deutschland ist bekanntermaßen heterogen genug. Damit wurde bereits in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie begonnen: es wurden Modelle und Wege gefunden, wie Bundesländer mehr als bisher ihre jugendpolitischen Ansätze und Modelle untereinander austauschen, vergleichen und Impulse für ihr eigenes jugendpolitisches Handeln aufnehmen können – national und international. 

Ausrichtung von Förderprogrammen

Die Ausrichtung von Förderprogrammen auf die Ziele der EU-Jugendstrategie ist bei ihrer Umsetzung in Deutschland ein wesentliches Instrument. Auf europäischer Ebene ist das Programm JUGEND IN AKTION das Hauptinstrument zur Unterstützung der EU-Jugendstrategie. Gleichermaßen geht es jedoch auch um die Ausrichtung von Förderprogrammen wie dem Europäischen Sozialfonds (ESF) auf jugendpolitische Belange. 
Die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland ist ohne JUGEND IN AKTION nur schwer vorstellbar.
Auch eine Eigenständige Jugendpolitik wäre ohne die unterstützenden Programme auf Ebene des Bundes und der Länder und ohne die Ausrichtung von förderpolitischen Instrumenten und Programmen, wie dem Kinder- und Jugendplan oder dem ESF, kaum in die Praxis umzusetzen. 

Nationaler Dialog

Als Nationaler Dialog wird in der Umsetzung der EU-Jugendstrategie das Paket an Maßnahmen und Strukturen bezeichnet, das eine kontinuierliche Einbindung und Reflexion mit der Zivilgesellschaft im Jugendbereich ermöglichen soll. Dieses folgt natürlich dem Prinzip der partnerschaftlichen Zusammenarbeit in der Jugendhilfe und -politik, insofern nichts Neues. Durch die Schaffung von Strukturen und Entwicklung von neuen Verfahren geht die EU-Jugendstrategie aber durchaus darüber hinaus.
Ein zentrales Element des Nationalen Dialogs ist die Zusammenarbeit mit den Strukturen und Einrichtungen der Jugendarbeit und Jugendhilfe. Zweites Element des Nationalen Dialogs der EU-Jugendstrategie ist der Strukturierte Dialog mit jungen Menschen, der bereits in dem Beschluss der EU-Jugendministerinnen und -minister als wichtiges Instrument der Umsetzung der EU-Jugendstrategie genannt wird.
Eine Eigenständige Jugendpolitik braucht konkrete und verlässliche Orte und Formen für den Dialog und die Zusammenarbeit mit der Jugendarbeit und Jugendhilfe einerseits und jungen Menschen andererseits. Dahingehend kann der Umsetzungsprozess der EU-Jugendstrategie Anregungen bieten. So findet z. B. das Modell des Strukturierten Dialogs nun auch bereits Anwendung bei der Entwicklung einer Eigenständigen Jugendpolitik in Deutschland („Ichmache>Politik“). 

Förderung und Anerkennung von Jugendarbeit und Jugendhilfe

Auf europäischer Ebene haben die Jugendminister und Jugendministerinnen in der EU-Jugendstrategie Jugendarbeit als zentrales Querschnittsfeld einer Jugendpolitik fest verankert und dessen Bedeutung und Rolle durch einen darauf folgenden Ratsbeschluss zur Förderung und Anerkennung von Jugendarbeit noch einmal bestätigt und verstärkt. Nicht zuletzt deswegen legt die Umsetzung der EU-Jugendstrategie einen besonderen Wert auf die Einbeziehung der Fachkräfte und eröffnet landesspezifische und bundesweite Qualifizierungs- und Unterstützungsangebote.
In diesem Sinne wurde bei der Umsetzung der EU-Jugendstrategie die Fort- und Weiterbildung von Fachkräften in Kompetenzfeldern, die für die europäische Ausrichtung ihrer Arbeit notwendig sind, als wichtiger Baustein von Jugendpolitik erkannt und z. B. durch die Entwicklung einer Europäischen Trainingsstrategie umgesetzt. Auch die Eigenständige Jugendpolitik folgt diesem Gedanken mit der Fachkräfteinitiative im Rahmen des Modellprojekts „Lernerfahrungen durch grenzüberschreitende Mobilität für Jugendliche ermöglichen“.
Gleichzeitig wird eine Eigenständige Jugendpolitik die Anerkennung der zentralen Rolle von Jugendarbeit und Jugendhilfe und deren Weiterentwicklung zum Maßstab ihrer Entwicklung machen müssen. Die EU-Jugendstrategie hat dahingehend ein deutliches Zeichen gesetzt.

Europäische Impulse für die nationale Jugendpolitik

Mit der Umsetzung der EU-Jugendstrategie wird in Deutschland u. a. das Ziel verfolgt, das Thema Europa und den Mehrwert einer europäischen Zusammenarbeit im Jugendbereich stärker ins Bewusstsein der Jugendarbeit, Jugendhilfe und der Jugendpolitik zu rücken. Europäische Impulse können die nationale Politik und Praxis einer Eigenständigen Jugendpolitik und die bisher lokal, regional oder national ausgerichtete Praxis der Kinder- und Jugendhilfe  analytisch und praktisch bereichern. Sie gehen über die Mobilität von jungen Menschen, die Qualifizierung von Fachkräften oder das Peer Learning hinaus und betreffen vielmehr die Nutzung europäischer Debatten für die deutsche Fachpraxis und die „Europäisierung“ von Strukturen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe und deren Arbeitsweisen.
Aber auch der jugendpolitische Diskurs und die Praxis in Deutschland könnte „europäisch“ bereichert werden, wenn es gelänge, die Impulse aufzunehmen und zu integrieren, die in der europäischen Fachdebatte stattfinden und die häufig einen Blick auf andere Strategien und Lösungen erlauben. 

3. Die enge Verbindung von EU-Jugendstrategie und Eigenständiger Jugendpolitik

Wie gezeigt werden konnte, gibt es eine Vielzahl von Impulsen der EU-Jugendstrategie und ihrer Umsetzung für die Gestaltung einer neuen, eigenständigen Jugendpolitik in Deutschland. Gleichzeitig existieren enge Wechselwirkungen zwischen beiden jugendpolitischen Prozessen. Zur Verstärkung potenzieller Synergien sollte eine engere Verbindung beider Prozesse  angestrebt werden.

Eigenständige Jugendpolitik ist auch Europäische Jugendpolitik – und umgekehrt

Durch die aktuelle Wirtschaftskrise in Europa wird wie selten zuvor deutlich, dass rein nationalstaatliche Fundierungen von Jugendpolitik oder einzelner Arbeitsfelder allein keine tragfähigen Lösungen in immer stärker europäisch oder global ausgeprägten Kontexten bieten können. Eine Eigenständige Jugendpolitik darf sich nicht auf Deutschland beschränken, sondern muss auch immer europäische Jugendpolitik sein: Sie muss Verantwortung übernehmen für die Gestaltung von Lebensbedingungen junger Menschen in Europa (und darüber hinaus). Sie muss helfen,einen europäischen jugendpolitischen Raum zu entwickeln, in dem die Bedingungen für das gelingende Aufwachsen junger Menschen gemeinsam gestaltet werden.Und sie muss sich als Teil des Europäischen Einigungsprozesses verstehen, in dem es um die Gestaltung auch eines sozialen Europas geht. Gleichermaßen muss eine EU-Jugendstrategie, um nachhaltige Wirkung zu entfalten, auch auf die Lebenssituation junger Menschen und auf die Realität von Jugendarbeit, -hilfe und -politik in Deutschland bezogen sein.

Eigenständige Jugendpolitik und Europäische Jugendpolitik sind eng miteinander verknüpft

Die jugendpolitische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene ist wechselseitig unmittelbar mit den Inhalten und Konzepten einer Eigenständigen Jugendpolitik verknüpft.
Es wäre wenig zielführend, ein jugendpolitisches Konzept in Deutschland zu beschreiben, das die vereinbarten europäischen Schwerpunkte und Zielsetzungen nicht berücksichtigt oder gar im Widerspruch dazu steht.
Und warum sollte eine nationale Jugendpolitik von einer europäischen weitgehend abweichen, solange Deutschland an deren Entwicklung beteiligt ist und die deutschen Interessen und Bedürfnisse einfließen?
Noch viel deutlicher wird dies in dem Moment, in dem – so wie in Deutschland geschehen – die europäischen Impulse aufgegriffen werden und die EU-Jugendstrategie aktiv umgesetzt wird. Eine Eigenständige Jugendpolitik stünde im Widerspruch mit sich selbst, wollte sie hiervon abweichen (jenseits ihres notwendigerweise viel umfassenderen und weitergehenden jugendpolitischem Anspruchs).
Ebenso virulent ist es natürlich, dass die Haltungen Deutschlands in der europäischen Debatte auch auf den Erfahrungen und Positionen einer zukünftigen Eigenständigen Jugendpolitik basieren. 

Eigenständige Jugendpolitik und Europäische Jugendpolitik unterscheiden sich

Die Versuchung liegt nahe, Eigenständige Jugendpolitik und die Umsetzung der EU-Jugendstrategie als dasselbe zu begreifen und beide Strategien und Prozesse miteinander zu verschmelzen.
Die Folgen wären jedoch jugendpolitisch kontraproduktiv. Die EU-Jugendstrategie würde die Anregungsfunktion für die Eigenständige Jugendpolitik, die europäischen Impulse durch andersgeartete Verfahren, Instrumente und Strukturen verlieren.
Europäische Jugendpolitik ist anders als Jugendpolitik in Deutschland. Sie hat eine eigene Rationalität, die sich aus der Zusammenarbeit vieler Länder unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen ergibt. Die Handelnden sind in Europa sehr viel mehr auch selber Lernende – eine ungewohnte Situation für eine auf Hauptamtlichkeit basierende Jugendpolitik und -praxis. Es sind andere Akteure beteiligt, die nicht deckungsgleich mit der deutschen Jugendarbeit und -hilfe sind. Traditionelle Arbeitsweisen stoßen an ihre Grenzen in europäischen Zusammenhängen. Jugendpolitische Strukturen sind anders und vieldimensional. Die fachliche Realität von Jugendarbeit, -hilfe und -politik unterscheidet sich von Land zu Land fundamental. Erfolgreiche politische Handlungsweisen in Deutschland mögen wirkungslos in Europa sein. Europäische Jugendpolitik bedient sich spezifischer Instrumente und Verfahren, die zum Teil im Widerspruch zur deutschen Realität stehen.
So wenig Europäische Jugendpolitik eine nationale Jugendpolitik ersetzen kann, so wenig kann eine nationale Jugendpolitik die Europäische Jugendpolitik ersetzen. Eine aus deutscher Sicht wirksame Europäische Jugendpolitik verlangt eine darauf ausgerichtete Strategie, spezifische Herangehensweise, eigene Instrumente und Strukturen. 

Eigenständige Jugendpolitik und Europäische Jugendpolitik bedingen sich wechselseitig

So sehr die Eigenständige Jugendpolitik und ihre Entwicklung von der EU-Jugendstrategie und deren Umsetzung in Deutschland profitiert, so sehr findet aber auch eine Wirkung in die andere Richtung statt: Nationale Impulse, Erfahrungen und Entwicklungen aus Deutschland werden in die anderen Mitgliedsländer und die europäische Politik zurückgespielt und bereichern dort die jugendpolitische Debatte.
Die beiden jugendpolitischen Strategien sind gleichermaßen in ihrer Existenz voneinander abhängig und bedingen gegenseitig ihren Erfolg. Es ist ein sich positiv wie negativ wechselseitig verstärkender Kreislauf, der eine Eigenständige Jugendpolitik und die Europäische Jugendpolitik miteinander verbindet: Je stärker die jugendpolitische Zusammenarbeit in Europa und die Umsetzung der EU-Jugendstrategie in Deutschland, desto stärker wird eine Eigenständige Jugendpolitik sein können. Und je stärker, bedeutsamer und wirkungsvoller eine Eigenständige Jugendpolitik in Deutschland ist, desto größer wird die Wirkung auf die europäische Zusammenarbeit im Jugendbereich und dessen Weiterentwicklung sein.
Grund genug, um also trotz aller Nähe zur Eigenständigen Jugendpolitik die jugendpolitischen Bemühungen Deutschlands in der EU weiter zu verstärken, die Entwicklung einer Europäischen Jugendpolitik voranzutreiben und eine spezifische jugendpolitische Europastrategie zu entwickeln.

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